Fertig lustig? – WOZ Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

Artikel zu Auftritt an Laugh up! Stand Up! Rassismuskritisches Humorfestival 2015:

Fertig lustig? – WOZ Nr. 48/2015 vom 26.11.2015

«Ihr seid alles Rassisten»
In der Shedhalle steht jetzt ein Secondo mit Lederjacke auf der Bühne und beschimpft das Publikum: «Ihr seid alles Rassisten.» Schliesslich trügen wir alle unsere grossen und kleinen Vorurteile mit uns herum. Der Einzige hier, der kein Rassist sei, das sei er selber: «Ich hasse alle Menschen gleichermassen.» Erleichtertes Lachen im Saal. Rassismusvorwürfe von einem bekennenden Menschenfeind? Lachhaft! Obwohl, da lauert ein Denkfehler: Warum soll ein Misanthrop weniger Ahnung haben von Rassismus?

Der komische Menschenfeind heisst Robin Bhattacharya. Er nennt sich Wirtschaftsflüchtling, denn er stammt – man hörts – aus Bern. Mehr noch: Der 34-Jährige ist aus der Hochkultur temporär in die sogenannte Kleinkunst eingewandert, er ist sonst in der bildenden Kunst daheim. Man glaubt es kaum, aber dies ist sein allererster Auftritt als Stand-up-Comedian, ein Versuchsballon von zwölf Minuten. Danach: Jubel, Applaus, und im Saal werden erste Wetten abgeschlossen, wie schnell es wohl geht, bis er in die bekannte Satiresendung «Giacobbo/Müller» eingeladen wird.

Seinen Stoff holt Bhattacharya aus dem erlebten Alltag. Er kennt sich aus mit Diskriminierung, er ist Schweizer mit indisch-italienischen Wurzeln («eine recht kleine Minderheit»). Ob er es nicht übertreibt mit dem Rassismus in der Schweiz? Bei diesem Vorwurf, sagt er, komme er sich vor wie ein Ertrinkender, zu dem man sagt: «Wasser, immer kommst du mit Wasser.» Bei Bhattacharya ist Humor eine Waffe, mit der er sich der kulturellen Stereotype entledigt, die ihm angehängt werden. Und er spielt virtuos mit den ideologischen Hohlformeln, die im politischen Diskurs herumgeistern: Die Ängste der Bevölkerung, sagt er, müsse man ernst nehmen. Und seine therapeutische Lösung ist so einleuchtend wie pragmatisch: Die SVP und ihr Wahlvolk ausschaffen, dann sind auch die Ängste weg. Dass das rein logistisch gar keine so grosse Sache wäre, belegt er mit einer demografischen Milchbüchleinrechnung, die der Flüchtlingsarithmetik der SVP in nichts nachsteht.

In der Roten Fabrik kommt der Vorschlag nicht überall gut an. Tags darauf, als jemand aus dem Publikum die Idee aufgreift und eine Ausschaffung der SVP nach Deutschland postuliert, winkt Jilet Ayse blitzschnell ab: «Nein danke, Führer hatten wir schon.»